
Wenn die Welt sich weiterdreht
und man selbst stehen bleibt
Nach dem Tod meiner Mama hat sich alles verschoben. Die Welt hat sich weitergedreht, aber ich nicht. Oder zumindest nicht so wie vorher.
Ich erinnere mich noch gut daran, als mein kleiner Neffe kurz nach der Beerdigung Geburtstag hatte. Irgendwann sagte meine Schwester: „Das Leben ist doch verrückt – vormittags organisierst du eine Beerdigung, nachmittags einen Kindergeburtstag.“
Dieser Satz ist geblieben. Weil er genau dieses Gefühl trifft, das so schwer zu greifen ist: Dass beides gleichzeitig passiert. Dass beides gleichzeitig da ist.
Der Moment vor der Tür
Ein paar Wochen nach der Beerdigung stand ich auf dem Geburtstag einer Freundin. Das erste Mal wieder unterwegs. Ich weiß noch, wie ich kurz innegehalten habe, bevor ich reingegangen bin. Als müsste ich mich entscheiden, in welche Welt ich jetzt trete.
Drinnen war alles wie immer: Lachen, Gespräche, Musik.
Ich wurde herzlich empfangen, ich habe geredet, genickt und gelächelt. Ich war zwischen Funktionieren und Genießen. Irgendwie da und doch ganz woanders. Immer wieder mit dem Gedanken als Begleiter: Wie kann das hier gerade alles so normal sein, wenn meine Welt es nicht mehr ist?
Trotzdem glaube ich heute: Es war wichtig, dass ich dort war und dass ich geblieben bin. Nicht, weil es sich immer richtig angefühlt hat, sondern weil es gezeigt hat, dass beides existieren darf. Dass es Räume geben kann, in denen gelacht wird, auch wenn sich das eigene Leben gerade schwer anfühlt. Trauer sitzt oft unsichtbar mit am Tisch. Es ist ein merkwürdiger Zustand. Du bist da und irgendwie auch nicht. Du gehörst dazu und fühlst dich trotzdem fremd. Niemand sieht es dir unbedingt an. Aber in dir drin ist alles anders.
Wenn Alltag und Schmerz kollidieren
Ein paar Monate später war ich mit einer Freundin in der Stadt auf dem Christkindlesmarkt. Wir standen da mit Glühwein in der Hand und haben über irgendetwas völlig Belangloses gelacht. Der Abend fühlte es sich leicht an. Gute Laune und ein schönes Gespräch.
Neben uns stand ein älterer Mann. Er lächelte und sagte: „Schön, dass ihr so viel Spaß habt.“ Wir kamen kurz ins Gespräch. Ein bisschen Smalltalk, nichts Besonderes.
Und dann sagte er plötzlich: „Deine Mama würde ich ja gern mal kennenlernen.“
Boom.
Ein Stich ins Herz. Der Atem stockt. Der Kopf wird leer.
Und gleichzeitig diese Wut im Bauch. Auf diesen fremden Mann, der nichts falsch gemacht hat und in eine tiefe Wunde gebohrt hat, ohne es zu wissen. Wir haben uns dann schnell verabschiedet, gesagt, dass wir weitermüssen. Ich hab mich dafür entschieden, es wegzulächeln und ihm mit einem Augenzwinkern zu sagen, dass meine Mama glücklich verheiratet ist und er sowieso nicht ihr Typ wäre.
Der Stich aber, der saß und hat mich den Rest des Abends weiterbegleitet.
Ein Leben in zwei Welten
Was ich irgendwann verstanden habe: Es darf beides sein.
Trauer ist kein klarer Weg. Sie ist dieses Dazwischen.
Zwischen dem, was war, und dem, was irgendwie weitergeht.
Zwischen Schmerz und Momenten, die sich leicht anfühlen.
Und vielleicht ist genau das in Ordnung und richtig.
Dass Trauernde nicht nur in einer Welt leben. Sondern in beiden.


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