Die leisen Gesten, die mich getragen haben

Illustration zu den leisen Gesten, die mich getragen haben
Wenn Schmerz auf Dankbarkeit trifft

So schlimm der Tod meiner Mama war, so dankbar bin ich heute für die Unterstützung aus meinem Freundeskreis. In dieser Zeit habe ich gesehen, wie viele wunderbare Menschen ich um mich habe. Menschen, die einfach da waren.

Und oft waren es genau diese kleinen Gesten, die mir bis heute im Herzen geblieben sind. Von einigen möchte ich erzählen.

Einfach da sein

Zwei Freunde standen an einem Samstagabend mit einem Bier vor meiner Haustür. Sie wussten, dass ich mir an diesem Wochenende eine Auszeit nehme und nicht zu meinem Papa nach Hause fahre.

„Wir waren gerade unterwegs, haben an dich gedacht und wollten dich sehen. Du hast gefehlt.“

Wir haben einfach dagesessen und geredet. Ganz normal. Ganz ruhig. Über Alltägliches gesprochen. Trotzdem mit dem Verständnis, dass eine Kneipe gerade nicht der Ort ist, an dem ich sein kann. Genau das hat so viel bedeutet und gezeigt, wie wertvoll meine Gesellschaft ist – egal unter welchen Umständen.

Wenn Worte fehlen dürfen

Ein Freund, der damals ein paar Stunden entfernt gewohnt hat, rief immer wieder an, obwohl ich mich sehr zurückgezogen hatte. Ich wusste oft selbst nicht, was ich am Telefon sagen sollte. Alles fühlte sich belanglos an. So viele Gedanken in meinem Kopf, aber ich konnte sie nicht sortieren oder darüber sprechen.

Und trotzdem wollte ich nicht alleine sein. Was mir geholfen hat, war einfach zuzuhören. Zu hören, wie jemand aus seinem Alltag erzählt. Das hat mir etwas zurückgegeben, was ich fast verloren hatte: Das Gefühl, dass das Leben weitergeht.

Dieser Freund hat nicht aufgegeben. Er hat in regelmäßigen Abständen angerufen und einfach nachgefragt, wie es mir geht – ohne Vorwürfe, ohne Druck und ohne die Frage, warum ich mich nicht melde.

Bis ich langsam wieder mehr zu mir gefunden habe.

Zeit schenken trotz eigenem Chaos

Eine Freundin steckte mitten in einer stressigen Phase: Vollzeitjob und zusätzlich ihre Saloneröffnung. Unzählige Termine. Viel Arbeit. Wenig Zeit. Und trotzdem war sie da. Kam immer wieder kurz auf einen Kaffee vorbei und hat mir von ihren Fortschritten erzählt. Ganz unaufgeregt. Ganz selbstverständlich.

Diese Normalität war ein Geschenk.

Was ich damals am mutigsten fand, war ihre Frage, wie sie sich verhalten soll, weil sie sich unsicher fühlte, über „normale“ Dinge zu sprechen.

Es kam ihr alles so belanglos und unwichtig vor, wenn sie mit mir redete. Ich habe sie gebeten, genau damit weiterzumachen. Sie hat es einfach getan und mich damit immer wieder an das alltägliche Leben erinnert und mich auf andere Gedanken gebracht. Einfach an einem Stückchen Normalität teilhaben lassen.

Raum für Gefühle

Wenn ich nach den Wochenenden bei meinem Papa zurück in meine Wohnung kam, war ich oft völlig erschöpft. Die eigenen Gefühle. Die Sorge um meinen Vater. So viele Ängste. So viel Anspannung, die abfällt, wenn man die eigene Haustür hinter sich schließt.

Ich erinnere mich an einen Sonntagabend, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Meine Mitbewohnerin war zum Glück da und ich durfte einfach weinen.

20 Minuten.
Keine Fragen. Keine Lösungen. Keine gut gemeinten Ratschläge.
Einfach da sein. Einfach in den Arm nehmen. Einfach den Kopf streicheln.

Und genau das war alles, was ich in diesem Moment gebraucht habe.

„Hast du Lust auf Gesellschaft?“
anstatt „Meld dich, wenn du was brauchst“

Viele meiner engsten Freunde haben es einfach richtig gemacht. Es waren die Nachrichten. Die Anrufe. Aber vor allem war es die Art.

Nicht:
„Meld dich, wenn du mich brauchst.“

Sondern:
„Ich wollte mal hören, wie es dir geht. Hast du Lust, heute spazieren zu gehen?“
„Ich würde diese Woche mal bei dir vorbeikommen. Wann hast du Zeit?“

Dieser Unterschied hat so viel verändert. Diese ehrlich gemeinte Unterstützung trotz eigener Unsicherheit im Umgang mit mir hat geholfen, wieder in den Alltag zu finden. Gerade in der Anfangszeit waren es so viele Menschen, die mich durch diese schwere Phase getragen haben. Jeder auf seine eigene Weise. Jede Geste anders.

Und doch hatte alles eines gemeinsam: Ich war nicht allein.

Danke für euer Dasein

Es gibt noch so viel mehr Beispiele. Es gab viele Momente, in denen ich getragen wurde, als ich es brauchte. Vor allem bleibt eins: Dankbarkeit.

Danke an jeden einzelnen Menschen, der sich Zeit genommen hat, der Verständnis hatte, der meine Schwere ausgehalten hat, der Geduld hatte und der einfach da war.

Für alle, die begleiten möchten

Für alle, die gerade einem trauernden Menschen zur Seite stehen möchten:

Bitte spart euch reine Standard-Floskeln wie „Das wird schon wieder“ oder „Zeit heilt alle Wunden“. Trauernde wissen das, aber es hilft vor allem am Anfang nicht.

Fragt lieber: Was brauchst du?

Wenn ihr die Person gut kennt, vertraut eurem Gefühl. Keine falsche Scheu. Das Letzte, was ein trauernder Mensch braucht, sind Menschen, die aus eigener Unsicherheit auf Abstand gehen.

Vielleicht dürfen Standardsätze auch einfach ergänzt werden:

Man darf sagen: „Das wird schon wieder.“
Und ergänzen: „Auch wenn es für dich gerade nicht so aussieht, aber bis dahin: Was kann ich für dich tun? Wie kann ich für dich da sein?“

Man darf sagen: „Die Zeit heilt alle Wunden.“
Und ergänzen: „Und bis es soweit ist, bin ich da und wir gehen den Weg zusammen.“

Man darf sagen: „Du bist nicht allein.“
Und es durch Taten zeigen.


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