Als wir noch dieselbe Sprache sprachen

Wie alles begann

Er war eine halbe Stunde zu früh. Ausgerechnet ein Spanier. Ich kam gerade frisch aus der Dusche, noch nicht hergerichtet und nicht geschminkt, denn ich hatte fest damit gerechnet, dass er sowieso zu spät kommen würde. Tja, falsch gedacht. Es begann also anders als geplant, und ziemlich echt.

Ohne großes Styling machten wir uns auf den Weg ins Kino. Er war vorher noch nie in einem deutschen Kino gewesen und wollte ausprobieren, wie das ist, mit mir als Dolmetscherin neben sich. Eigentlich wollten wir „Der Marsianer“ sehen, aber der war ausverkauft. Also wurde es „Er ist wieder da“. Beim Popcorn war seine Enttäuschung groß: süß statt salzig. „Wer isst denn sowas?“, fragte er. Diese Eigenheit wird mich ein Leben lang begleiten, denn inzwischen esse ich selbst sehr gerne salziges Popcorn.

Danach gingen wir noch in eine Bar. Wir erzählten uns viel, und dank einiger sprachlicher Hürden gab es reichlich, worüber wir uns amüsieren konnten. Wir wollten uns schnell wiedersehen und wurden ein glückliches Paar.

Missverständnisse gab es natürlich wie in jeder Beziehung. Manche Sätze mussten zweimal erklärt werden, manche mit Händen und Füßen, bis der andere die Essenz verstanden hatte. Damals war das kein Problem, im Gegenteil: Es hat uns ausgemacht. Wir fragten nach, erklärten, und manchmal lachten wir einfach darüber, dass der andere etwas völlig anderes verstanden hatte. Wir nahmen uns die Zeit dafür.

Es gab so viel Leichtigkeit zwischen uns. Wir haben uns kaputtgelacht. Wenn ich heute daran denke, fehlt mir genau dieses Lachen, und die beiden Menschen, die wir damals waren.

Wenn aus Leichtigkeit Verantwortung wird

Dann kam unser Sohn. Aus einem Liebespaar wurde eine Familie. Da war plötzlich dieser kleine Mensch, den wir beide liebten und für den wir gemeinsam Verantwortung trugen. Der Alltag wurde voller, die Sorgen größer, und die Vorstellungen davon, wie unser Familienleben aussehen sollte, wurden wichtiger. Unser Blick ging nicht mehr in dieselbe Richtung.

Die kulturellen Unterschiede, über die wir früher gelacht hatten, bekamen plötzlich Gewicht. Dinge, die einmal spannend oder sogar lustig gewesen waren, wurden anstrengend. Missverständnisse waren nicht mehr nach fünf Minuten vergessen. Sie blieben hängen und wurden Teil von Diskussionen, in denen es längst um etwas anderes ging.

Wir haben beide gespürt, dass uns etwas fehlt, und wir haben versucht, es wiederzufinden. Wir haben beide um die Leichtigkeit getrauert. Aber wir fanden keine gemeinsame Sprache mehr, um dorthin zurückzukehren, und haben uns getrennt.

Wenn man aufhört, an etwas festzuhalten

Die alte Vorstellung von einer Beziehung loszulassen, ist ein schmerzhafter Trauerprozess, vor allem, wenn es wunderschöne gemeinsame Jahre gab. Ich denke, dass beides nebeneinander Platz haben darf: die besondere Liebe, die einmal da war, und die Erkenntnis, dass sie irgendwann nicht mehr ausgereicht hat, um gemeinsam weiterzumachen.


Entdecke mehr von Trau dich trauern

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Entdecke mehr von Trau dich trauern

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen